„Ich will der allerbeste sein“, „Leb deinen Traum, denn er wird wahr“ und heute: „Happy de ume tsukushite“.
Von den guten, alten Zeiten im RTL 2 Nachmittagsprogramm Pokito bis hin zur Dokomi 2024 – Anime ist in Deutschland längst nicht mehr dieses Keller-Hocker-Phänomen für dicke, bebrillte Hygieneallergiker. Anime hat seinen Platz im Mainstream eingenommen und wenn auch nicht jeder ein Otaku ist, so wird man zumindest nicht mehr als absonderlich wahrgenommen, wenn das Wappen des Aufklärungstrupps oder Asuna Yuuki deinen Handyhintergrund ziert.
Doch wie kam es eigentlich dazu? Was hat aus dem Nischenhobby eine Leidenschaft für Millionen Deutsche gemacht? Dieser Frage möchte ich heute auf den Grund geben, auch um mir zurecht zu copen, dass ich ein ganz normaler Typ bin und das meine 3 Zero Two Figuren im Schrank nichts ungewöhnliches mehr sind.
Dafür reisen wir ein wenig zurück: Wusstet ihr, dass der erste Anime, der im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, „Speed Racers“ war und bereits 1971 zu uns kam? Er wurde sogar im ÖRR ausgestrahlt, genauer gesagt auf ARD.

Damals wurde der Anime leider schnell wieder aufgrund von Eltern-Protesten abgesetzt – Danke, Kyles Mom.
Heidi, Die Biene Maja und Nils Holgersson haben wir doch alle gesehen und geliebt – jedenfalls bis irgendein Genie auf die Idee kam, den ganzen Charme dieser Klassiker zu ruinieren und sie in 3D zu produzieren. Wusstet ihr jedoch, dass diese Kindheitshelden Anime waren, die in Koproduktion mit dem deutschen Fernsehen in Japan entstanden?
Unbewusst waren wir also fast alle im Kindesalter schon kleine Otakus.
Das man Kinderserien jetzt aber nicht mit dem heutzutage geläufigen Wald- und Wiesen-Anime vergleichen kann, ist uns allen klar.
Die Produktionen für eine etwas ältere Zielgruppe waren ausschließlich Nischenprodukte ohne riesige Fanbase.
Interessant wurde es mit bekannten deutschsprachigen Premieren wie Sailor Moon (1997), Dragon Ball und Pokémon (beide 1999). Diese Anime haben ganze Generationen in ihren Bann gezogen und Millionen Kinder und Jugendliche begeistert.

Kleiner Spaßfakt am Rande: Der erste in Deutschland veröffentlichte Manga war 1991 Akira, jedoch auf westliche Lesart gespiegelt und ohne wirklich Abnehmer zu finden. Deutlich besser kam 1997 der Dragon Ball Manga an.
Doch zurück zum Anime: Wenn doch so viele die oben genannten Klassiker liebten, warum war der Hardcore-Anime-Fan trotzdem für lange Zeit verpönt?
Das liegt meiner Meinung nach an mehreren Dingen:
Erstens war Anime vor allem Anfang der 2000er für viele ein klassisches Jungs-Genre, auch wenn es durchaus auch „weibliche Erfolge“ gab, wie beispielsweise Sailor Moon. Durch die Dominanz von sogenannten Shonen-Anime haben sich Mädchen damals trotzdem insgesamt weniger mit den Serien beschäftigt. Dadurch hat sich die mögliche Zielgruppe anfangs nicht gerade vergrößert.
Die zweite Begründung, die ich auch in meinem Schulleben erlebt habe:
Zwischen Dragon Ball und beispielsweise Elfenlied oder Neon Genesis Evangelion liegen Welten. Ein starker Superheld verprügelt Bösewichte? Durchaus massentauglich, kannte man es doch nicht anders aus Action-Filmen und Büchern.
Ein psychisch angeschlagener Junge steigt in einen Roboter, der kein Roboter ist und in dem seine Mutter steckt, weint die Hälfte der Laufzeit und kämpft gegen den Cast der Bibel? Erklär das mal auf dem Pausenhof den coolen Kids, während sie dir dein Milchgeld aus der Tasche schütteln. Noch besser wird es, wenn ihr von der Krankenhausszene aus End of Evangelion berichtet – aber lassen wir das.

Wie also hat sich das Bild gewandelt und wie wurde Anime auch in Deutschland salonfähig? Wie so viele Fragen kann man auch diese nicht eindeutig beantworten, aber ich nenne euch drei große Säulen des Otaku-Siegeszuges: Das Internet, die Zeit und die Deutsche Synchronszene.
Durch das Internet haben sich Ausschnitte aus den Serien in den rasant wachsenden sozialen Medien verbreitet und somit eine Vielzahl zuvor uninteressierter Menschen ansprechen können. Plötzlich haben vor allem Jugendliche gesehen, dass die bunten Serien aus Japan mehr können als „nur“ Dragon Ball und Naruto. Deutsche Openings wurden vielfach heruntergeladen und waren selbst für Nicht-Otakus absolute Ohrwürmer. Ich durfte selbst auf Tanz-In-Den-Mai-Festen kleiner Dörfer „Sag Das Zauberwort“ oder „Leb deinen Traum“ aus den Boxen dröhnen hören – und erstaunlicherweise konnten und wollten die meisten mitsingen. YouTuber wie Kurono wurden erfolgreich und prägten mit ihren Videos die Startseite der Kinder – und somit ihre Meinung zu Anime.
Die zweite wichtige Säule: Die Zeit. Je mehr Anime produziert wurden und je länger den Deutschen die Möglichkeit gegeben wurde, sich an diese exotischen Produktionen zu gewöhnen, desto akzeptierter und beliebter wurden sie. Eigentlich logisch, oder? Wenn ihr euer Leben lang am Flughafen wohnt, stört der Fluglärm euch nach einiger Zeit nicht mehr und wird akzeptiert.
Genauso war es mit Anime und im Laufe der Zeit wird jeder von uns zumindest mal flüchtig einen Anime gesehen haben – Ich habe als Teenager selbst meine Mutter mal das Evangelion-Opening summen hören, obwohl sie es höchstens beim mir über die Schulter schauen mitbekommen haben kann.
Die dritte Säule, die Deutsche Synchronszene, ist ein Thema, dass die Leute spaltet: Während viele sich über sie lustig machen (auf Japanisch klingt das alles viel natürlicher, es klingt alles so gestellt auf Deutsch)(halt dein Maul, du Spaßbremse), so gibt es auch haufenweise Leute, die sie vergöttern – zum Beispiel mich.
Sind wir ehrlich: Anime, selbst Dragon Ball, wäre nie im deutschen Mainstream angekommen, wenn die hyperaktiven Kinder den Kampf gegen Oberteufel Piccolo nur halb mitbekommen hätten, weil die viereckigen Augen gleichzeitig lesen müssen, um zu verstehen, was die Protagonisten sich um die Ohren brüllen.
Wir sollten dankbar für die großartige Deutsche Synchronszene sein, immerhin ist sie nicht die Französische!
Im Vergleich zu anderen Sprachräumen sind wir mit Synchrontalenten und guter Tonqualität nahezu gesegnet – und ich werde deutsche Anime-Synchronisation immer bis auf mein Blut verteidigen.
Kehren wir jetzt mit strahlenden Augen in die heutige Zeit zurück und sehen, wo wir angekommen sind:
Die DoKoMi ist mit 180.000 Besuchern 2024 weiterhin auf Wachstumskurs, kein Ende ist in Sicht. Menschen laufen mit Demon Slayer Pins auf ihrem Rucksack und Dragon Ball Tattoos auf dem Arm umher. Selphius, auch wenn bereits etwas länger inaktiv, zieht monatlich 170.000 Hörer allein auf Spotify mit ihren deutschsprachigen Anime-Covern an. Sprüche, Szenen und Openings aus Comedy-Anime sind wichtige Bestandteile der Deutschen Meme-Szene und die ältere Besitzerin des Buchladens in der verschlafenen Kleinstadt empfiehlt mir den Manga zu ihrem aktuellen Lieblingsanime.

Anime wird nie Nationalhobby der Deutschen wie Fußball sein. Aber es ist ein fester Bestandteil unserer Kultur – und das ist gut so.
Danke, dass ihr bis hierhin gelesen habt. Wie war euer Otaku-Werdegang und welche wichtigen Punkte in der deutschen Anime-Szene habe ich eventuell übersehen? Teilt es mir gern mit und freut euch gern auf weitere Beiträge, die hier in Zukunft erscheinen werden.
Macht es gut!







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